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Energieautonomie als Potential: Zukunftsfitte Energieerzeugung in der Landwirtschaft

Photovoltaik auf Hofdächern, Biomasse, Biogas und regionale Kreisläufe: Mit Christian Gantner, Landesrat für u.a. Landwirtschaft und Umweltschutz, haben wir darüber gesprochen, welches Potenzial für die Energieautonomie in der Landwirtschaft steckt (und umgekehrt), welche weiteren politischen Rahmenbedingungen es dafür braucht und warum einfache, praxistaugliche Lösungen entscheidend sind.

Herr Landesrat, Sie waren langjähriger Bürgermeister der e5-Gemeinde Dalaas und als „Energielandesrat“ sowie Obmann des Energieinstitut Vorarlberg an der Entwicklung der Energieautonomie beteiligt. Was war und ist Ihre größte Motivation beim Thema Energieautonomie – und wie prägt das Ihre heutige Arbeit?

Die Energieautonomie Vorarlberg ist eine echte Erfolgsgeschichte, weil sie ein gemeinsames Bild und ein gemeinsames Ziel vermittelt. Gerade im (politischen) Alltag verlieren wir das manchmal aus dem Blick, weil wir sehr im Tagesgeschäft stecken.

Die Energieautonomie ist für mich der gemeinsame rote Faden, der Orientierung gibt. Sie schafft etwas Positives: Freude und Motivation am Thema. Nur so kann man Menschen mitnehmen.Landesrat Christian Gantner

Was ich besonders schätze: Die Energieautonomie war schon lange vor dem Ukrainekrieg eine gemeinsame Initiative in Vorarlberg – der Wille zur Eigenständigkeit war schon da, bevor Versorgungssicherheit überall Thema wurde. Und sie ist nichts, was verordnet wurde, sondern etwas, das stark von den Menschen selbst entwickelt wurde und getragen wird.

Welche Bedeutung hat die Landwirtschaft beim Erreichen der Energieautonomie Vorarlberg? Wo sehen Sie die größten Hebel?

Die Landwirtschaft spielt eine zentrale Rolle. Ein sehr naheliegender Hebel ist die Photovoltaik: landwirtschaftliche Betriebe verfügen über große Dachflächen – Stalldächer, Wirtschaftsgebäude, Hallen. Da lässt sich noch viel nutzen. Ein weiterer großer Bereich ist die Biomasse, etwa in Form von Hackschnitzel- oder Biomasseheizungen, wo Landwirtschaft und Forstwirtschaft schon viel geleistet haben.

Und ein Thema, das lange unterschätzt wurde, ist das Biogas. Eine aktuelle Studie zeigt da ganz deutlich, welches Potenzial in Vorarlberg steckt – insbesondere in Verbindung mit Gülleaufbereitung.
Und da haben wir noch gar nicht über die Effizienzpotenziale (im Gebäudebereich) gesprochen: Wärmerückgewinnung, Abwärmenutzung aus Kühlanlagen oder technischen Prozessen. Hier gibt es noch Reserven, die manche Betriebe noch gar nicht am Radar haben.

Wie weit ist die Landwirtschaft in Vorarlberg aktuell auf dem Weg zur Energieautonomie? Welche Entwicklungen stimmen Sie optimistisch?

Ich habe das Gefühl, es geht immer mehr – und das stimmt mich optimistisch. Gerade im Photovoltaikbereich ist in den letzten Jahren viel passiert, auch Dank dem guten Beratungsangebot, das von vielen Betrieben genutzt wird.
Besonders positiv sehe ich die junge Generation in der Landwirtschaft. Viele junge Bäuerinnen und Bauern sind sehr innovativ, denken unternehmerisch und beschäftigen sich nicht nur mit der Produktion, sondern auch mit Energieeffizienzfragen, Nachhaltigkeit und neuen Standbeinen. Das zeigt: Die Landwirtschaft ist auf einem guten Weg.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für landwirtschaftliche Betriebe auf dem Weg zur Energieautonomie?

Eine große Herausforderung ist sicher die Komplexität. Hier müssen wir sehr aufpassen. Energieprojekte dürfen nicht zu kompliziert werden – weder rechtlich noch technisch. Gerade bei größeren Anlagen sind hohe Investitionskosten ein Thema, und oft ist die Umsetzung mit aufwendigen Genehmigungen und komplexen Steuerungssystemen verbunden.
Umso wichtiger sind kompetente Beratungsangebote, etwa über die Landwirtschaftskammer oder das Energieinstitut Vorarlberg (Anm.: für Landwirte mit LFBIS Nummer). Diese erste Unterstützung ist entscheidend, damit Betriebe den Schritt überhaupt wagen.

Welche politischen Maßnahmen braucht es, um landwirtschaftliche Betriebe auf diesem Weg zu unterstützen?

Unser Auftrag ist es, die Dinge unkompliziert zu halten. Förderungen, gesetzliche Rahmenbedingungen und Beratungsstrukturen müssen so gestaltet sein, dass sie im Alltag praktikabel sind. Niemand investiert gerne in etwas, das bürokratisch kaum zu bewältigen ist.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Realität? Rechnen sich Investitionen in Photovoltaik, Biomasse oder Energieeffizienzmaßnahmen für bäuerliche Betriebe?

Ja, sie rechnen sich – und sie werden sich in Zukunft noch stärker rechnen. Wichtig ist, dass man Energiefragen nicht nur kurzfristig betrachtet. Gerade in herausfordernden Zeiten funktionieren jene Dinge am besten, die man selbst in der Hand hat. Der Energiemarkt ist ja sehr volatil. Wer seine Energie zumindest teilweise selbst erzeugt, gewinnt Unabhängigkeit und Sicherheit.

Auch wenn sich eine Investition im Moment vielleicht noch nicht sofort rechnet, bin ich überzeugt, dass der Energiebereich langfristig ein stabiler und wichtiger Faktor für landwirtschaftliche Betriebe sein wird.Landesrat Christian Gantner

Wie schätzen Sie generell das Potenzial der Kreislaufwirtschaft in der Landwirtschaft ein?

Sehr hoch. Die Landwirtschaft ist prädestiniert für Kreislaufwirtschaft – von Reststoffen über Gülleaufbereitung bis hin zur Abwärmenutzung. Wenn Energie, Nährstoffe und Ressourcen im Betrieb oder in regionalen Energiegemeinschaften bleiben, stärkt das nicht nur die Betriebe, sondern die ganze Region.

Die Landwirtschaft lebt seit Jahrhunderten in und mit Kreisläufen. Hier liegen auch große Potenziale für die Energieautonomie.Landesrat Christian Gantner

Welche Rolle können Biomasse und Biogas künftig spielen?

Hier sehe ich ein enormes Potenzial, vor allem auch in Gemeinschaftsanlagen. Biomasse- und Biogasanlagen können eine echte Win-win-win-Situation sein: für die Landwirtschaft als zusätzliche Einnahmequelle, für die Industrie in Hinblick auf Dekarbonisierung und für die Umwelt.
Ein häufig unterschätzter Aspekt der Biogasnutzung ist außerdem, dass die entstehenden Gärreste als Dünger in der Regel für Pflanzen leichter nutzbar sind, zugleich die Nährstoffversorgung des Bodens unterstützen und weniger Gerüche verursachen.

Wie ein landwirtschaftlicher Betrieb im Bregenzerwald Abwärme aus der Gülle über Betonkernaktivierung nutzt, erfahren Sie hier.

Was würden Sie einem Betrieb raten, der sagt: „Ich würde gerne, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll“?

Zuerst einmal: Gratulation.

Mein Rat: Ja klar, machen! Aber gut vorbereitet.Landesrat Christian Ganter

Lassen Sie sich umfassend beraten, springen Sie nicht bei jeder Goldgräberstimmung auf und lassen Sie sich zu nichts drängen. Gehen Sie Schritt für Schritt vor.
Ein guter Einstieg ist sicher, erst Maßnahmen zur Energieeffizienz umzusetzen: Einsparen, Rückgewinnen, optimieren. Dann kann eine Photovoltaikanlage folgen, allenfalls mit Batteriespeicher, eventuell eingebettet in eine Energiegemeinschaft.

Die Landwirtschaft hat viele Spielwiesen und Handlungsfelder von Photovoltaik über Biomasse bis Biogas. Es gibt viel zu tun – es lohnt sich.Landesrat Christian Gantner
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