Logo

Ein Update für die Energieautonomie

2021 wurde ein umfangreiches Maßnahmenpaket zur Energieautonomie für den Zeitraum bis 2030 im Landtag beschlossen und heuer einem Update unterzogen. Wolfgang Seidel vom Energieinstitut Vorarlberg hat für die Institutszeitschrift max50 mit Energielandesrat Daniel Allgäuer und Energieautonomie-Programmleiter Christian Vögel über dieses Update gesprochen.

Energieinstitut Vorarlberg

Energielandesrat Daniel Allgäuer und Energieautonomie-Programmleiter Christian Vögel haben unter anderem über die wichtigsten Anpassungen der Aktualisierung der Strategie zur Energieautonomie gesprochen, darüber woher in Zukunft unser Strom kommen wird und wie gewährleistet werden soll, dass Energie auch künftig für alle sicher, leistbar und erneuerbar sein kann.

Die Strategie zur Energieautonomie wurde aktualisiert – warum?

Christian Vögel: Als das Maßnahmenpaket für die laufende Dekade im Jahr 2021 beschlossen wurde, war bereits eine Zwischenevaluierung eingeplant. Das war klug, denn der Ukrainekrieg hat energiepolitisch keinen Stein auf dem anderen gelassen, und es wurde notwendig, Ziele und Maßnahmen anzupassen.

Daniel Allgäuer: Die Strategie hat mit „Vorarlberg sicher, leistbar und erneuerbar mit Energie versorgen“ auch einen neuen Titel bekommen. Wenn wir die aktuelle Situation anschauen, dann reden wir insbesondere von Versorgungssicherheit. Und die lässt sich mit unseren erneuerbaren Energieträgern wesentlich besser sicherstellen als mit Importen von irgendwoher.

Was sind die wichtigen Anpassungen in der Strategie?

Vögel: Zuerst: Die zentralen Ziele sind unverändert. Also 50 % Erneuerbare am Gesamtenergiebedarf, 50 % weniger CO₂ und 100 % regionalen erneuerbaren Strom bis 2030. Angepasst wurde vor allem im Strombereich – wir gehen von höheren Verbräuchen und von notwendigen Maßnahmen seitens der Erzeugung und im Netz aus. Neue Herausforderungen betreffen auch die Infrastruktur: Was bedeutet es, wenn das Wasserstoffnetz nach Lindau kommt? Was passiert bei sinkendem Verbrauch mit unserem Gasnetz und wie gelingt der Ausbau der Nahwärme? Darauf wird in der Strategie eingegangen. Und auch das Thema Energiearmut wurde neu aufgenommen.

Allgäuer: Zudem haben wir im Bereich PV, Wasser- und Wind-kraft die Ausbauziele des Bundes berücksichtigt. Der Ausbau der Erneuerbaren ist in den letzten Jahren sehr gut gelaufen, vor allem bei der PV haben wir enorme Fortschritte erzielt. Auf der anderen Seite haben wir noch eine hohe Zahl an fossilen Heizsystemen, da heißt es dranbleiben.

Versorgungssicherheit lässt sich mit heimischen Erneuerbaren wesentlich besser herstellen als mit Importen von irgendwoher.Energielandesrat Daniel Allgäuer

Der Beschluss ist einstimmig gefallen, hat das eine Bedeutung?

Allgäuer: Das hat für mich eine sehr große Bedeutung. Es ist ein Signal, die Energieautonomie ernst zu nehmen und konsequent zu verfolgen. Als 2009 der Beschluss zur Energieautonomie gefasst wurde, war ich Energiesprecher in der Opposition und trotzdem gut und wertschätzend in den Prozess eingebunden und mit allen wichtigen Informationen versorgt. Das möchte ich auch jetzt in der Regierungsverantwortung so handhaben.

Amt der Vorarlberger Landesregierung

Eines der ganz großen Themen: Woher kommt in Zukunft unser Strom?

Vögel: Der Stromverbrauch wird in allen Bereichen vorerst noch steigen, davon gehen wir aus. Andererseits steigt auch die Stromproduktion vor allem aus PV stark, das ist gut, bringt aber ein Speicherthema mit sich. Es ist daher auch wichtig, dass wir vor allem die Produktionskapazitäten im Winter ausbauen.

Wie konkret?

Vögel: Unter anderem mit Windkraft, denn Windkraft ist Winterkraft. Auch wenn Vorarlberg keine klassische Windkraft-Region sein wird, müssen wir unseren Beitrag leisten. Zudem können PV-Anlagen so ausgerichtet werden, dass der Ertrag im Winter höher ausfällt. Und nicht zuletzt steht auch noch Biomasse zur Verfügung, die derzeit vor allem zur Wärmeproduktion ge-nutzt wird und auch Verstromungspotential im Winter bietet.

Windkraft ist Winterkraft.Christian Vögel, Programmleiter Energieautonomie Vorarlberg 

Und wie konkret nicht?

Allgäuer: Mit kleinen, niedlichen Atomkraftwerken, die unter dem Deckmantel einer vorgeschobenen CO₂-Neutralität von der EU oder unseren Nachbarn in Bayern wieder aus der Mottenkiste geholt werden sollen. Was mir ehrlicherweise etwas Sorgen macht. Ich glaube, wir wären alle zusammen gut aufgestellt, wenn wir jetzt final den Schritt gehen in Richtung Erneuerbarer. Alles andere ist ein Ablenkungsmanöver.

Niedliche Mini-AKWs sind nichts als ein Ablenkungsmanöver.Energielandesrat Daniel Allgäuer ist bekennender Gegner der Atomkraft

Vor allem bei größeren Projekten muss man aber auch mit Ablehnung rechnen.

Allgäuer: Du sprichst das Reststoffkraftwerk bei Rondo an. Das wäre ein Riesenschritt für die Energieautonomie, weil es Vorarlbergs Gasverbrauch um mindestens 7 % senken würde. Außerdem kämen Reststoffe zum Einsatz, die sowieso verbrannt werden. Es wäre die wohl größte private Einzelinvestition in die Energieautonomie. Aber in der nahen Umgebung gibt es Ablehnung. Auch, weil die Kommunikation nicht gut gelaufen ist. Die Herausforderung bei solchen Projekten ist es, Nutzen für die Region zu stiften und aufzuzeigen, berechtigten Sorgen und Einwänden Raum zu geben und gleichzeitig aber auch das große Ganze im Auge zu behalten. Wenn wir unabhängig von Energieimporten werden und dabei Irrwege wie die Atomkraft meiden wollen, müssen wir offen über solche Vorhaben sprechen.

Energiearmut ist als eigenes Thema neu in der Strategie, was steckt da dahinter?

Vögel: Da geht’s vor allem darum, Menschen mit geringen Einkommen an der Energiewende zu beteiligen – insbesondere da, wo doch relevante Anfangsinvestitionen notwendig sind, beim Heizungstausch etwa. Da müssen bestehende Förderprogramme wie ‚Sauber heizen für alle‘ gut weiterentwickelt werden. Außerdem gilt es, den öffentlichen Verkehr als günstige Alternative zum eigenen Auto auszubauen. Und für die einkommensschwachen Haushalte gibt’s vergünstigten Strom – nicht endlos, aber genug, um den Strombedarf eines durchschnittlich sparsamen Haushalts decken zu können.

Damit wir die Energieautonomie erreichen, braucht’s alle. Fangen wir beim Land an:

Allgäuer: Das Land hat unbestritten eine Vorbildwirkung. Mit der ‚MissionZeroV‘ sind wir bestrebt, Energieverbrauch und CO₂-Emissionen unserer Gebäude, des Fuhrparks und der Dienstreisen zu reduzieren. Und nicht nur im Landhaus, sondern überall, wo das Land mit mindestens 50 % beteiligt ist – von der Fachhochschule bis zum Landeskrankenhaus.

Vögel: Dazu gibt’s auch einen jährlichen Bericht zu den Umsetzungsmaßnahmen und deren Auswirkungen.

Und wie schauen die Ansätze aus, etwa Unter-nehmen, Bürgerinnen und Bürger auf dem Weg zur Energieautonomie mitzunehmen?

Vögel: Ich sehe da drei Stufen: Manches macht man freiwillig, dafür gibt’s jede Menge Beratungsprogramme und Unterstützung – von der Energieberatung bis zum e5-Programm. Für Manches braucht man einen Benefit, auch wenn es mit Förderungen aktuell natürlich nicht überall super ausschaut. Und am Schluss kommt die gesetzliche Ebene, die es zum Beispiel im Neubau schon gibt, mit Vorgaben zu Energieeffizienz oder erneuerbaren Energieträgern.

Allgäuer: Die Wirtschaft hat verstanden, dass Energieeffizienz ein Aspekt im Wettbewerb ist. Und allen ist klar, dass es im Kern längst auch um Versorgungssicherheit geht. Was ich vermeiden möchte: den erhobenen Zeigefinger. Wir wollen durch gute Kommunikation Beispiele zeigen für das Machbare. Und ich möchte allen, die über Maßnahmen nachdenken, empfehlen, eine Beratung etwa beim Energieinstitut in Anspruch zu nehmen. Da gibt’s produktneutrale und kompetente Hilfe auf dem eigenen Weg zur Energieautonomie.