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„Das Klimaprojekt geht bei uns weiter"
Lucas Breuer

„Das Klimaprojekt geht bei uns weiter"

Im Mai dieses Jahres haben 64 Personen in 14 Haushalten aus den Vorderwald Gemeinden an einem besonderen Experiment teilgenommen. Sie haben versucht, den 2015 in Paris beschlossen Klimazielen, möglichst nahe zu kommen. An einem idealen Tag werden dabei 100 Punkte, das entspräche einem CO2-Ausstoß von 6,8 Kilogramm, verbraucht. Christiane Eberle hat mit ihrer Familie mitgemacht . Sie hat der Energieautonomie davon erzählt.

Was hat Sie dazu bewegt an diesem Experiment teilzunehmen?

Christiane Eberle: Wir hatten schon bei anderen Projekten, zum Beispiel „gut genug“, mitgemacht. Unsere Kinder, Hannah (21), Marie (19), Constantin (16) und Johannes (12) waren damals schon so begeistert, dass sie meinten, wenn es wieder so ein Projekt in diese Richtung gäbe, müssten wir unbedingt dabei sein. Sie sind alle so interessiert an diesem Thema und wollten deshalb genau wissen, wo wir uns verbessern und weiterentwickeln können.

Sie mussten also keine Überzeugungsarbeit leisten?
Lucas Breuer

Sie mussten also keine Überzeugungsarbeit leisten?

Christiane Eberle: Mein Mann war schon skeptisch. Er hat das ganze Experiment hinterfragt und meinte, dass es Aufgabe der Politik wäre, zu agieren. Sein Enthusiasmus für das Projekt hielt sich im Vergleich zum Rest der Familie also deutlich in Grenzen. Aber er wurde basisdemokratisch – vier gegen eins – überstimmt, hat das akzeptiert und mitgemacht.

Wie sind sie in das Projekt gestartet?

Christiane Eberle: Für uns war von vornherein klar, wir machen hier nicht nur einen Monat mit und dann geht alles so wie vorher weiter, sondern wir wollten hier so viel als möglich für unseren weiteren Alltag mitnehmen – das war für uns ganz wesentlich. Im Vorfeld des Projektes gab es eine sogenannte Basisanalyse. Hier wurde unser Verhalten in einem langen Gespräch, von Nahrung über Konsum, Freizeit bis hin zu Mobilität, erfasst und bewertet. Wir lagen bei 280 Punkten pro Tag. Im nächsten Schritt ging es darum, dass jeder in der Familie bei sich nach Einsparpotenzial sucht und das sollte dann umgesetzt werden.

Gab es im Rahmen der einmonatigen Experimentphase auch eine Begleitung der Teilnehmer?
Lucas Breuer

Gab es im Rahmen der einmonatigen Experimentphase auch eine Begleitung der Teilnehmer?

Christiane Eberle: Ja, wir wurden vom Monika Forster (Anmerkungen der Redaktion: Energieregionsmanagerin des Energieinstitutes) und Martin Strele (Anmerkung der Redaktion: Kairos) sehr gut begleitet – wenn es irgendwo hakte oder Fragen gab, war sofort Unterstützung da. Ihnen möchte ich einen großen Dank aussprechen.

Es gab außerdem für die Teilnehmenden Vorträge, Impulsaktionen wie zum Beispiel ein Kochabend und ein breites Angebot, das zudem immer auf die individuellen Bedürfnisse der Teilnehmer angepasst wurde. Wir konnten unter anderem E-Autos testen.

Das heißt Mobilität war bei ihnen ein großes Thema?

Christiane Eberle: Definitiv – das war ein ganz wichtiger Punkt. Wir wohnen in Hittisau-Bolgenach sehr abgelegen. Bis ins Ortszentrum sind es drei Kilometer. Wir sind deshalb ständig mit dem Auto unterwegs und genau da haben wir versucht einzuhaken. Für Erledigungen im Dorf, seien es Einkäufe, Sitzungen oder auch ein Elternsprechtag, bin ich auf das E-Fahrrad umgestiegen. Unser Sohn Johannes hat hier auch mitgemacht und fährt mit dem E-Fahrrad und nicht mehr mit dem Bus in die Schule. Um CO2 zu sparen, haben wir außerdem auf eine geplante Flugreise verzichtet. Unsere Tochter Marie hat sich als weiteres Beispiel den Konsum unter die Lupe genommen. Gerade Kleidung haben und kaufen wir alle viel zu viel. Hier hat Marie nach Möglichkeiten, weniger oder in Second-Hand-Läden kaufen, gesucht. Sie hat aber auch versucht, sich so zu organisieren, dass Kleidung weitergegeben wird. In Sachen Ernährung waren wir im Vorfeld schon sehr gut – da wir einen eigenen Gemüsegarten haben und dort schon zu weiten Teilen Selbstversorger sind.

Wie war die Stimmung während der Projektphase in der Familie?

Christiane Eberle: Wir alle haben das als positives Erlebnis wahrgenommen. Es war kein Verzicht, sondern es war sehr spannend zu sehen, wie bei uns eine Art leichter Wettbewerb entstanden ist. Wer könnte wo noch mehr einsparen. Da haben wir uns gegenseitig angespornt.

Gab es auch Dinge, die für Sie gar nicht funktioniert haben?

Christiane Eberle: Wir haben aktuell zwei Autos und wir wollten so weit kommen, dass uns eines reicht. Das haben wir nicht geschafft. Im ländlichen Bereich ist das für uns mit vier Kindern und unseren Berufen einfach noch nicht möglich. In der Stadt sähe das ganz anders aus. Aber am Land ist die Mobilität noch sehr ausbaufähig.

Wenn jeder etwas tut, kann viel bewegt werden. Stimmt das aus ihrer Sicht oder braucht es doch zusätzlich politische Maßnahmen?
Lucas Breuer

Wenn jeder etwas tut, kann viel bewegt werden. Stimmt das aus ihrer Sicht oder braucht es doch zusätzlich politische Maßnahmen?

Christiane Eberle: Das war für mich ein gewichtiges Argument für die Teilnahme an diesem Projekt. Ich dachte mir, ich fang jetzt einfach an und warte nicht mehr auf die Politik oder die anderen. Ich versuche jetzt durch mein Tun, auch andere voran zu treiben. Das Thema rund um die Aufgabe der Politik in diesem Zusammenhang wurde bei uns in der Familie immer wieder diskutiert.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass jeder etwas tut. Aber es gibt Bereiche, in denen die Politik klare Vorgaben machen und aktiv werden muss. Mobilität ist ein Feld für die Politik, genauso die CO2-Steuer und worin ich eine Hauptaufgabe der Politik sehe ist, dass sie ein anders Wertebild vermitteln muss. Schneller, höher, immer mehr – ist meiner Meinung nicht das richtige Wertesystem für unsere Zeit. Hier kommt auch die Wirtschaft ins Spiel – über ihre Bedeutung müssen wir nicht streiten, aber auch sie muss sich verändern. Aber wie gesagt, für mich war wichtig, dass ich selbst anfange etwas zu tun.

Was ist vom Mai 219 geblieben, was nehmen sie mit?

Christiane Eberle: Wir haben es im Rahmen des Experiments geschafft durchschnittlich 60 bis 70 Punkte pro Tag einzusparen. Und mein Mann hat am Ende gesagt, dass es ein gutes Experiment und eine gute Sache war. Wir haben den Skeptiker überzeugt und in unserer Familie hat sich das Verhalten dauerhaft geändert. Wobei man auch aufpassen muss, dass man nicht in alte Fahrwasser gerät. Aber durch das Experiment wurde das Bewusstsein geschaffen und auch das bleibt. Und: Wir machen weiter.

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