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„Wir müssen alle Möglichkeiten ausschöpfen“

Vorarlberg ist bereits auf gutem Weg in Richtung Energieautonomie - bis zu deren Zielerreichung gibt es jedoch noch einiges zu tun. Im Interview mit Landesrat Markus Klien haben wir erfahren, wo er Handlungsbedarf sieht, welche Rolle Fernwärme und Batteriespeicher spielen und wie Förderungen künftig gezielter eingesetzt werden sollen. Fokussieren will er auf wirtschaftlich tragfähige Projekte, die auch von den Gemeinden mitgetragen werden. Mit dem Ziel, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern nachhaltig zu reduzieren.

Energieinstitut Vorarlberg

­Du bist seit Juli als Landesrat für die Energieautonomie zuständig. Was ist dir beim Einarbeiten schon aufgefallen?

Als Abgeordneter im Landtag beschäftigt man sich mit einer großen Bandbreite an Themen. In meiner Funktion als Landesrat kann ich mich nun intensiver mit einzelnen Bereichen auseinandersetzen und tiefer in die Materie eintauchen, so auch bei der Energieautonomie. Was mich dabei überrascht hat? Dass wir in vielen Bereichen schon sehr weit sind, die Erreichung der Ziele der Energieautonomie aber dennoch eine große Herausforderung bleibt.

Letztlich geht es darum, den Einsatz fossiler Energieträger so weit wie möglich zu reduzieren. Gerade jetzt spüren wir diese Abhängigkeit wieder besonders stark. Wer aktuell Heizöl einkaufen muss, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Gemeinsam mit den hohen Benzin- und Dieselpreisen treibt das die Inflation an und wird so zum gesamtgesellschaftlichen Problem. Daher ist für mich klar:

Wir müssen die Nutzung fossiler Energieträger so weit senken, dass deren Preis keine entscheidende Rolle mehr spielt. Dafür haben wir in Vorarlberg grundsätzlich eine gute Ausgangslage, etwa mit der Wasserkraft und dem starken Ausbau der PV in den letzten Jahren.

Wasserkraft und PV im Sommer sind klar, wie schaut’s im Winter aus?

Für die Stromproduktion im Winter können wir den PV-Ausbau stärker in Richtung Fassaden-PV lenken. Und natürlich ist da auch die Windkraft ein wichtiges Thema.

Wie steht es deiner Ansicht nach um die Windkraft in Vorarlberg?

Das Messergebnis auf der Alpe Rauz war ernüchternd, keine Frage. Aktuell fehlt uns ein zwingendes Projekt. Wir sprechen deshalb noch einmal mit den Bürgermeistern jener Gemeinden, in denen sich potenzielle Standorte für Windkraftanlagen befinden. Ich will sicherstellen, dass wir alle Möglichkeiten ausschöpfen. Sollte sich kein geeignetes Projekt umsetzen lassen, müssen wir alternative Optionen in Betracht ziehen. Das kann auch das weitere Engagement der illwerke vkw im überregionalen Kontext sein.

Die weiteren Investitionen in einen Windpark in Deutschland, beispielsweise?

Genau, selbst wenn uns ein solches Engagement die Bilanz der Energieautonomie in Vorarlberg nicht verbessert. Deshalb verfolgen wir beide Ansätze. Wir prüfen weiterhin, wo sich im Land wirtschaftlich tragfähige Windkraftprojekte umsetzen lassen, die auch von den betroffenen Gemeinden mitgetragen werden und behalten gleichzeitig überregionale Möglichkeiten im Blick.

Man hat den Eindruck, es wird insgesamt nicht einfacher, große Energieprojekte umzusetzen. Wie siehst du das?

Genau so, es wird eine sehr große Herausforderung. Das sieht man auch an aktuellen Beispielen. Die Bedenken der Anrainerinnen und Anrainer sowie der Gemeinden kann ich dabei zum großen Teil verstehen. Es ist wichtig, diese ernst zu nehmen und die Betroffenen frühzeitig einzubeziehen. Gleichzeitig erleben wir, dass die Kommunikation mancher Organisationen so aufgeweitet wird, dass der Dialog über die wirklichen Sorgen erschwert wird. Daher ist für mich deutlich geworden:

Wenn ein großes Projekt ansteht, das wir im Hinblick auf die Energieautonomie als wirtschaftlich und sinnvoll erachten, muss es von Anfang an sehr professionell begleitet werden, und das nicht nur im technischen Bereich.

Die Energieautonomie wird stark vom Strom bestimmt werden. Ist unser Stromnetz fit für die Energieautonomie?

Ja, ist es. Es wird in den nächsten Jahren noch einiges in den Netzausbau investiert werden, damit wir auf die künftig steigenden Mehrverbräuche durch E-Autos, Wärmepumpen und dergleichen vorbereitet sind.

Besser als bei den Heizungen: In Vorarlberg laufen noch rund 57.000 Ölkessel und Gasthermen. Wie kommen wir von denen weg?

Förderungen sind ein wichtiger Anreiz für den Umstieg auf klimafreundliche Heizsysteme. Gleichzeitig müssen wir berücksichtigen, dass es angesichts rückläufiger Fördermittel schwieriger wird, Bürgerinnen und Bürger zum vorzeitigen Austausch noch funktionsfähiger Gas- bzw. Ölheizungen zu bewegen.

Umso wichtiger ist es, dort attraktive Alternativen anzubieten, wo ohnehin ein Austausch ansteht. Ab November werden außerdem wieder neue Fördermittel zur Verfügung stehen, die zusätzliche Motivation für den Umstieg schaffen sollen. So wird es uns gelingen, den Bestand sukzessive zu senken.

Einen wichtigen Hebel sehe auch ich in der Fernwärme. Sie bietet vor allem im dichter besiedelten Gebiet eine Alternative zu Gas und ist für die Haushalte mit vergleichsweise geringen Anfangsinvestitionen verbunden. Denn wir sehen, dass viele Menschen „den Gürtel enger schnallen“ und es zunehmend schwieriger wird, größere Investitionen anzustoßen. Gleichzeitig bin ich dagegen, den Umstieg ausschließlich über Förderungen voranzutreiben, weshalb wir die bestehenden Fördermaßnahmen derzeit systematisch durchleuchten.

Was macht eine Förderung sinnvoll für dich?

Zentral für mich ist, dass eine Förderung auslöst, wofür sie vorgesehen ist. Reine Mitnahmeeffekte wollen wir vermeiden. Förderungen sollen insbesondere dazu beitragen, Technologien, die für die Energieautonomie wichtig sind, am Markt zu etablieren. Daher halte ich es auch für sinnvoll, die PV-Förderung nicht weiter zu verlängern, sondern den Fokus künftig verstärkt auf netzdienliche Batteriespeicher zu legen. So helfen wir dabei, private Investitionen anzustoßen, die uns auf dem Weg zur Energieautonomie weiterbringen.

Neben den Privaten sind auch die Gemeinden wichtig auf dem Weg zur Energieautonomie.

Genau. Insbesondere in den e5-Gemeinden entstehen viele Ideen und Projekte, ich durfte in Hohenems selbst Teil des Netzwerks sein. Der intensive Austausch und das Lernen voneinander haben uns viele Impulse gebracht. Daher möchte ich die Gemeinden auch möglichst gut in ihrer Arbeit unterstützen.

Du bist Anfang Oktober zum Obmann des Energieinstitut Vorarlberg gewählt worden. Wie siehst du das Energieinstitut Vorarlberg?

Das Energieinstitut spielt eine zentrale Rolle auf dem Weg zur Energieautonomie. Es ist – auch vom Land – mit den entsprechenden Ressourcen und der Expertise ausgestattet, Privatpersonen, Unternehmen und Gemeinden gut und wirkungsvoll auf dem Weg zur Energieautonomie zu begleiten. Kern dabei ist die Energieberatung, die produktneutral und in der Praxis verankert dabei hilft, kluge und zukunftsfähige Entscheidungen zu treffen.

Die erwartbare Frage zum Abschluss: Wie trägt der Energielandesrat privat zur Energieautonomie bei?

Energieautonomie fängt im eigenen Haushalt an. PV-Anlage, Batteriespeicher, Wärmepumpe, eine insgesamt energieeffiziente Haustechnik und das Elektroauto sind für mich die Basis dafür.

Unser Haus haben wir schon energieeffizient gebaut. Der vollständige Umstieg auf erneuerbare Energie wurde aber – wie bei vielen anderen auch – durch die Ereignisse im Jahr 2022 ausgelöst. Mit der damals nachgerüsteten PV-Anlage bin ich übrigens auch zum typischen Anlagenbesitzer geworden.

Zum typischen PV-Anlagenbesitzer?

Ja, einer der mit dem eigenen Strom deutlich bewusster umgeht als zuvor, der sich überlegt, wie PV-Anlage, Speicher, Wärmepumpe und E-Auto noch besser zusammenspielen. Der jeden Tag in der App nachschaut, was die PV und der Speicher gerade tun und das auch gern einmal in Gesellschaft stolz in die Runde zeigt.

Der Energielandesrat

Markus Klien ist seit 9. Juli 2026 Mitglied der Vorarlberger Landesregierung und dort unter anderem für die Energieautonomie zuständig. Davor war er Vizebürgermeister und Mitglied des e5-Teams in Hohenems. Am 6. Oktober 2026 wurde er zudem zum Obmann des Energieinstitut Vorarlberg gewählt.

Geführt wurde das Interview Anfang Oktober 2026 zwischen Martin Reis (Geschäftsführer des Energieinstitut Vorarlberg) und Landesrat Markus Klien.