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„Ökoprofit-Betriebe rechnen mit CO2 wie andere mit Euro“

Verena Lässer-Kemple im Interview
Energieinstitut Vorarlberg

Verena Lässer-Kemple im Interview

Das Landesprogramm Ökoprofit feiert heuer sein 30-jähriges Jubiläum. Koordinatorin Verena Lässer-Kemple spricht mit Markus Kaufmann (Bereichsleitung Unternehmen im Energieinstitut Vorarlberg) über die teilnehmenden Betriebe und deren Maßnahmen, über internationale Anerkennung, Entbürokratisierung und natürlich über die zahlreichen Benefits für Betriebe auf ihrem Weg zur Energieautonomie.

Fangen wir von vorne an – was ist Ökoprofit, wie funktioniert es?

Ökoprofit ist ein Landesprogramm für Umweltmanagement – und inzwischen auch für Nachhaltigkeitsmanagement. Es ist gleichzeitig Programm und Werkzeug: Betriebe nehmen an Workshops teil, in denen Methoden vermittelt und gemeinsam Ideen entwickelt werden, um die Zertifizierung zu erreichen. Sie können ihre Stärken und Schwächen im Energie- und Umweltbereich sorgfältig analysieren und dann in einem jährlichen Auditprozess gezielte Maßnahmen zur Verbesserung entwickeln und umsetzen. Während des gesamten Prozesses werden sie von Expert:innen beraten und begleitet.

So werden Ressourcen geschont und gleichzeitig Kosten gespart – ein klassisches Win-win-Modell. In Vorarlberg ist daraus ein lebendiges Netzwerk mit rund 220 Betrieben entstanden.Verena Lässer-Kemple

Und in diesem Netzwerk steckt enorm viel Know-how. Die Betriebe inspirieren sich gegenseitig, lernen voneinander und teilen ihre Best-Practice-Beispiele.
Oft dürfen wir auch direkt in Unternehmen gehen und uns erfolgreiche Maßnahmen vor Ort ansehen.

In Österreich wird derzeit viel über Entbürokratisierung gesprochen. Wie groß ist der Aufwand für teilnehmende Betriebe?

Im ersten Jahr ist der Aufwand etwas größer, weil die Betriebe das System erst kennenlernen müssen. Im Vergleich zu anderen Zertifizierungen ist der Aufwand aber denkbar gering. Inzwischen steht den Betrieben ein Webtool zur Verfügung. Damit können sie ihren Umwelt- oder Klimabericht – auf Wunsch auch einen Nachhaltigkeitsbericht – sowie CO₂-, Energie- und Abfallbilanzen erstellen.
Betriebe berichten, dass sie ihren Dokumentationsaufwand mit dem neuen Webtool um bis zu 90 Prozent reduzieren konnten.

Betriebe berichten, dass sie ihren Dokumentationsaufwand mit dem neuen Webtool um bis zu 90 Prozent reduzieren konnten.Verena Lässer-Kemple

Sind die Kennzahlen aus ÖKOPROFIT geeignet, um ein Unternehmen zu steuern?

Wir wissen von Geschäftsführer:innen, dass sie die Kennzahlen aus dem Umweltbericht nutzen, um zu überprüfen, wie schnell sich eine nachhaltige Investition amortisiert. Und wenn sich später bestätigt, dass sich diese Investition tatsächlich rechnet, stärkt das sicher auch die Motivation für weitere Maßnahmen.

Welche weiteren Benefits gibt es für die Betriebe?

Der Umweltgedanke steht zwar im Vordergrund, für viele Betriebe ist Ökoprofit aber auch aus Marktsicht interessant.Verena Lässer-Kemple

Sie setzen zahlreiche Maßnahmen um und möchten diese gegenüber ihren Kund:innen sichtbar machen. Außerdem ist es mittlerweile so, dass Handwerksbetriebe oft für regionale Ausschreibungen ein Umweltmanagementsystem vorweisen müssen.
Wir beobachten, dass ÖKOPROFIT international immer mehr Anerkennung erhält. 2023 wurde das Programm von der Europäischen Kommission als Vorstufe zum europäischen Umweltmanagementsystem EMAS (LINK) anerkannt. International – etwa in China oder den USA – kann das für einzelne Betriebe ein Vorteil sein.

Es gibt chinesische Unternehmen, die ihre Vorarlberger Zulieferer gezielt nach ihrem Umweltmanagementsystem fragen.Verena Lässer-Kemple

Aktuell arbeiten wir daran, unser Programm mithilfe des Webtools so weiterzuentwickeln, dass Betriebe den freiwilligen EU-Standard für Nachhaltigkeitsreporting (VSME) nutzen und den Bericht bei Bedarf direkt an Kund:innen weitergeben können. Dieses Zusatzangebot möchten wir möglichst noch heuer ermöglichen.

Was sind das für Betriebe, die bei euch dabei sind?

Die Betriebe kommen aus ganz unterschiedlichen Branchen und Größen. Die größte Gruppe bilden kleine und mittlere Unternehmen, aber auch große Betriebe sind dabei – aus der Lebensmittelindustrie, aus dem Kunststoffbereich oder aus dem Handel. Neben klassischen Wirtschaftsbetrieben nehmen auch viele öffentliche Organisationen teil, beispielsweise Landesinstitutionen, Krankenhäuser, Schulen oder soziale Einrichtungen.

Welches sind typische Maßnahmen, die Betriebe umsetzen?

Früher ging es stärker um Prozessoptimierungen. Heute stehen Energieeffizienzmaßnahmen im Vordergrund. Ein klassisches Beispiel ist die Nutzung von Abwärme in Produktionsbetrieben. Mondelez hat zum Beispiel über Jahre alle Abwärme-Maßnahmen genutzt und optimiert, nun wurde eine Großwärmepumpe installiert.
Ganz spannend ist auch das Kreislaufsystem bei Elfer, bei dem Abfälle zur Biogasproduktion genutzt werden und damit der Transport bedient wird.
In den letzten Jahren wurden außerdem sehr viele Photovoltaikanlagen installiert – mit entsprechend großen Effekten.
Wärmepumpen sind im Gebäudebereich bereits weit verbreitet und kommen mehr und mehr auch in industriellen Prozessen zum Einsatz.

Die aktualisierte Strategie der Energieautonomie+ 2030 hat zum Ziel: „Vorarlberg sicher, nachhaltig und leistbar mit Energie versorgen“. Hat das auch für Betriebe an Bedeutung gewonnen?

Viele Unternehmen verfolgen zwar Klimaziele, gleichzeitig geht es ihnen aber schon auch darum, ihren Betrieb modern, effizient und möglichst unabhängig für die Zukunft aufzustellen. Beim Ausbruch des Ukrainekriegs war das Thema Unabhängigkeit ein starker Treiber.

Viele Unternehmen wollten ihre Energieversorgung unabhängiger gestalten und haben entsprechend investiert. Die positiven Effekte dieser Entscheidungen zeigen sich jetzt.Verena Lässer-Kemple

Welche Maßnahmen sprechen Betriebe in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten an?

Neben technischen Lösungen darf man organisatorische Maßnahmen nicht vergessen. Durch optimierte Heizungseinstellungen, Temperaturabsenkungen oder ein gutes Mobilitätsmanagement lassen sich sehr gut Einsparungen erzielen. Auch beim Abfallmanagement gibt es viele Möglichkeiten. Wenn die wirtschaftliche Situation schwieriger wird, motivieren wir die Betriebe sogar verstärkt dazu, organisatorische Maßnahmen umzusetzen. Diese erfordern oft weniger Investitionen, können aber dennoch große Effekte haben.

Wie wichtig ist den Betrieben die wirtschaftlich rasche Amortisation von Maßnahmen?

Wir hatten uns vor einigen Jahren zum Ziel gesetzt, dass die Betriebe ein Gefühl für CO₂ entwickeln. Ich glaube, das ist uns gelungen.

Seit ein paar Jahren rechnen die Betriebe mit CO2 wie mit Euro.Verena Lässer-Kemple

Früher wurde eine Maßnahme meist nur umgesetzt, wenn sie sich in sehr kurzer Zeit wirtschaftlich amortisierte. Heute werden Investitionen mitunter auch dann umgesetzt, wenn sie sich nicht ganz so schnell amortisieren, dafür aber erhebliche CO₂-Einsparungen bringen.

Wer kann Ökoprofit-Betrieb werden?

Jeder Betrieb und fast jede Institution kann dem Ökoprofit-Programm beitreten. Selbst wenn die Ausgangssituation nicht ideal ist, gibt es immer Möglichkeiten zur Verbesserung. Wir zertifizieren ja nicht „gut“ oder „schlecht“, sondern bestätigen, dass ein Umweltmanagementsystem im Betrieb implementiert ist und kontinuierlich verbessert wird. Der Prozess ist wichtiger als der Status quo.

Es ist uns lieber, es kommt jemand, der noch sehr viel Potenzial hat – da können wir besonders viel bewirken.Verena Lässer-Kemple
Ökoprofit Betrieb werden?
Land Vorarlberg

Ökoprofit Betrieb werden?

Was sind für KMU die wichtigsten Ansatzpunkte auf dem Weg zur Energieautonomie?

Wir richten unser Programm bewusst an den Zielen der Energieautonomie aus. Als Landesprogramm verfolgen wir schließlich dasselbe Ziel und wollen unseren Beitrag zu einer sicheren und nachhaltigen Energieversorgung in Vorarlberg leisten.
Der wichtigste erste Schritt ist, Zahlen zu erfassen und eine fundierte Analyse zu machen. Sobald ein Unternehmen seine Daten kennt, erkennt es schnell, wo der größte CO₂-Fußabdruck entsteht und wo Kosten eingespart werden können. So lassen sich die größten Hebel identifizieren und gezielt angehen.

Was zeichnet besonders engagierte Betriebe aus?

Entscheidend ist, im Verbesserungsprozess dranzubleiben. Viele Betriebe sind schon sehr lange dabei – manche seit Jahrzehnten, wie zum Beispiel das Landhaus Vorarlberg. Ökoprofit feiert feiern heuer bereits sein 30-jähriges Jubiläum – und es gibt immer neue Möglichkeiten zur Verbesserung: Technologien entwickeln sich weiter, Rahmenbedingungen ändern sich. Es ist ein kontinuierlicher Prozess – ähnlich wie bei einem Haus, das man über die Jahre immer wieder energetisch verbessert.

Meine Empfehlung an Betriebe lautet daher: dranbleiben und Maßnahmen konsequent Schritt für Schritt umsetzen.Verena Lässer-Kemple

Ökoprofit wurde ursprünglich in Graz entwickelt und wird inzwischen international eingesetzt. In Vorarlberg ist das Programm besonders erfolgreich – warum?

Ich glaube, das Programm trifft hier auf sehr fruchtbaren Boden. Die Bevölkerung in Vorarlberg ist stark naturverbunden und engagiert. Diese Haltung spiegelt sich auch bei vielen Betriebsinhaber:innen und ÖKOPROFIT-Beauftragten wider. Zudem besteht in vielen Vorarlberger Unternehmen, oftmals Familienbetriebe, eine große Bereitschaft, in Umwelttechnologien zu investieren. Außerdem stehen viele gewichtige Partner hinter dem Programm und können Betriebe oftmals bei öffentlichen Ausschreibungen mit ihrem Zertifikat punkten.

Wie geht es weiter mit ÖKOPROFIT? Welche Zukunftsthemen siehst du?

Ich glaube, dass technologische Themen weiterhin stark an Bedeutung gewinnen werden. Neben Energiespeichern und Wärmepumpen wird auch die Elektromobilität noch einmal an Dynamik gewinnen – insbesondere bei Transportern und Lkw.

Du bist seit acht Jahren ÖKOPROFIT-Koordinatorin in Vorarlberg. Was siehst du beim Blick in den Rückspiegel?

Die letzten Jahre waren sehr intensiv. Ich habe meine Tätigkeit in einer Phase begonnen, in der das Thema Klimaschutz durch Bewegungen wie Fridays for Future stark im Fokus stand. Kurz danach kam die Pandemie, dann folgte der Ukraine-Krieg mit der Energiekrise.
Früher wurde Klimaschutz oft mit Verzicht verbunden. Heute geht es viel stärker um Effizienz, innovative Technologien und den Einsatz erneuerbarer Energien. Seit dem Green Deal und durch die Verbesserung von Technologien hat sich auch unglaublich viel getan.

Manche Betriebe konnten ihre Emissionen innerhalb weniger Jahre um bis zu 70 Prozent reduzieren.Verena Lässer-Kemple

Aktuell spüren wir etwas Gegenwind, nutzen diese Phase aber bewusst, um das Programm weiterzuentwickeln – noch digitaler, kompakter, kostengünstiger und transparenter.

Wir haben bislang jede Veränderung von außen genutzt, um das Programm weiterzuentwickeln – und genau diesen Weg möchten wir auch in Zukunft fortsetzen.Verena Lässer-Kemple